Zeitgeist

Ein Album von Smashing Pumpkins
Nach dem Ende von Nirvana durch Kurt Cobains Freitod ist in den 90ern kaum eine andere, führende Rockband auf eine derart breite Zustimmung gestoßen wie die Smashing Pumpkins. Ende der 80er in Chicago gegründet, erhoben sie sich in der folgenden Dekade hoch hinauf in den Superstarhimmel. Alternative-Rock-Hits wie "Disarm", "Today", "1979", "Bullet With Butterfly Wings" oder "Stand Inside Your Love" machten dies neben einer opulenten Selbstdarstellung möglich. Zentrales Meisterwerk ist die 95er-Platte "Mellon Collie and The Infinite Sadness". Ein unglaublich abenteuerliches Doppelalbum, welches von wüstesten Brachialrockern bis hin zu bittersüßen Popspielereien alles enthielt. Mit "Machina - The Machines Of God" schickte Frontman und Mastermind Billy Corgan die Smashing Pumpkins im Jahre 2000 in den verfrühten Ruhestand.
Und jetzt sind sie zurück, mit dem größenwahnsinnigen Albumtitel "Zeitgeist". Obwohl, stimmt nicht ganz, denn Billy Corgan ist zurück und mit ihm die "Marke" Smashing Pumpkins - nur Jimmy Chamberlin am Schlagzeug ist von den Ur-Pumpkins noch mit von der Partie. Die leicht entrückt wirkende D'Arcy Wretzky am Bass und der eher zurückhaltende James Iha an der Gitarre machen bei denn Smashing Pumpkins anno 2007 nicht mehr mit. Vermutlich hatten sie genug vom viel zitierten diktatorischen Stil ihres Bandleaders. Dieser hatte sich in den letzten Jahren gelegentlich als Produzent engagiert und mit seinem Band-Projekt Zwan versucht, an die Erfolge der Smashing Pumpkins anzuknüpfen. Was unmöglich war. "Also", dachte sich der Billy, "da hol ich verdammt noch mal mein Zero-T-Shirt raus, schreib ein paar neue nihilistische Glitzer-Rockstampfer und erobere die Welt zurück!" So ähnlich halt.
Nein, "Zeitgeist" hat eher wenig mit den Smashing Pumpkins von vor sieben Jahren zu tun. Nein, Corgan und Chamberlin klingen zu zweit nicht wie zu viert. Nein, Billy Corgans Stimme sägt, heult und haucht nicht mehr ganz so schrill wie damals. Ja, die Scheibe rockt mitunter ganz gewaltig. Ja, einige der Songs bleiben sowas vom im Gehörgang hängen. Ja, die Magie blitzt zwischendurch immer wieder auf. Alles klar?
Die Experimente (wie Elektronikbeigaben oder Streichersätze), für die die Smashing Pumkpins auch bekannt waren, fehlen auf "Zeitgeist" jedenfalls fast gänzlich. Stattdessen gibt's ein sattes Rock-Riff, einen Trommelwirbel nach dem anderen. Eine gedankliche Rückbesinnung auf die Anfangstage ist unüberhörbar - "Gerade-aus"-Rock mit schiefer Optik, oder so. Nur was soll das ganze Getue? Billy Corgan erzählt uns zwar neuerlich vom Untergang und der einzigen, unausweichlichen Wahrheit ("Wir werden alle sterben", manchmal auch "Nur die Liebe und die Bewegung zählt"), aber musste man tatsächlich die versinkende Freiheitsstatue auf das (zugegeben gut wirkende) Cover setzen und das ganze "Zeitgeist" nennen? Vor zehn Jahren hatte Corgan den Zeitgeist tatsächlich getroffen, aber ohne es anzukündigen. Und dann im Booklet (wie auch auf dem Cover der ersten Single "Tarantula") sieht man Paris Hilton vor einer atomaren Explosion, und weiter hinten bedankt sich Corgan dann auch bei Paris, aber vorher noch bei Gott, Jesus und Maria.
Das "erbauliche aber auch niederdrückende Gefühl der modernen Welt" wird laut Pressetext mit dem Albumcover ausgedrückt. Und dies soll wohl auch als Konzept für die Songs auf "Zeitgeist" dienen. Ganz zentral ist der Titel "Starz". Da ist alles drin, was Billy Corgan so groß macht(e). Eine subtile, einschneidende Gesangslinie, wilde Ausbrüche aus dem vorherrschenden, selbst definierten Song-Schema und ein paar wirklich greifende, ausgetüftelte Sounds - hier: die heulenden und flehenden Gitarrensalven, gepaart mit Jimmy Chamberlins Dampfwalzen-Schlagzeug. Das psychedelische "United States" ist wie die monströse Langversion davon, aber inklusive Revolutionsgeheul.
Weitere Highlights sind der bedrohliche, apokalyptische Opener "Doomsday Clock", dem auch gleich der nächste Rockfeger hinterher hetzt. "Bring The Light", "(Come On) Let's Go" und vor allem "That's The Way (My Love Is)" sind lupenreine, melodieselige "Hits", in denen Billy Corgan seine Rezeptur der Marke "geflügelter Ohrwurm" aus dem Ärmel zaubert. Bei ein paar beschaulicheren Stücken, wie zum Beispiel "Bleeding The Orchid", wird zwischendurch aber auch mal ein Gang zurück geschalten und am Ende mit "Pomp And Circumstances" gar "lalala-leise Servus" gesagt.
Lässt man die ganze Bedeutungsschwere (Titel wie "United States" oder auch "For God And Country") mal kurz außer Acht, so ist "Zeitgeist" ein sonderbar zeitloses und gerade deshalb ins Heute passendes Rockalbum, das wie so oft mit mehrmaligem Hören wächst und wächst und wächst. Und nach anfänglicher Skepsis und Vorbehalten entpuppt sich das Ding als großer Wurf. Deshalb gibt's mindestens sieben von zehn halben Kürbissen dafür. Und schon hat er uns wieder, dieser Rattenfänger. Übrigens: "Star" heißt rückwärts "Rats".
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