Live Killers

Ein Album von Queen
(1979)
Queen waren nicht Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug, Klavier und Fanfarengesang. Queen war mehr als die Summe der Einzelteile. Eine Einheit, ein pulsierender, in allen Farben strahlender Organismus, der sein Publikum mit Klang und Licht überschüttete.
Live Killers, der erste Livemitschnitt, ist das letzte große Livedoppelalbum der seligen Siebziger. Es zeigt nicht vier Musiker, sondern eine Band, wie sie eingespielter kaum sein könnte. Eine Band, die das Wort „Unterhaltung“ noch groß schrieb.
Auf der ersten Seite eröffne sie mit Donnerschlag und der schnellen Version von We Will Rock You. Ein Song, eine Ansage, ein Versprechen. Die Aufforderung zum Tanz, die ergebene Verbeugung vor dem Publikum, das alles verdient.
Alles was in ein Rockkonzert gehört ist dabei, und auch vieles, was dort im Grunde nichts zu suchen hätte. Es gibt breitbeinigen Arena-Rock (Let Me Entertain You, Don´t Stop Me Now, Tie Your Mother Down), ungenierten Balladen-Schmalz (Love of My Life), Dekadenz in Quasi-Jazz (You´re My Best Friend), den Seemanns-Jive ’39, den schwülstigen Tanzturnier-Blues Dreamer´s Ball, das psychedelisch-morbide Get Down, Make Love, die elenden, nie enden wollenden Selbstbesamungen mit Gitarren- und Schlagzeugsoli, und den pompösen Schlussakkord We Are the Champions. Sheer Heart Attac tönt fast wie Punk. Fat Bottom Girls hatten sie leider gestrichen, aber uns auch Gott sei Dank das grässliche Somebody to Love erspart.
Brian Mays Gitarre klingt wie von einem andern Stern, und er ist immer dann am besten, wenn er sein Können auf engstem Raum komprimieren und in kurze Soli packen muss. Die ins Unendliche mäandernden Delay-Eskapaden im Brighton Rock kann man mögen oder es sein lassen. Roger Taylor trommelte niemals allzu filigran, auf diesem Album eher rustikal; aber auch herrlich ungestüm, explosiv und trotzdem auf den Punkt genau. Ein wildgewordenes Uhrwerk. Das eine und andere Mal drückt er einem Song den Stempel auf mit seiner rauen Reibeisenstimme, die sich bei ´39 in unaussprechliche Höhen schraubt. John Deacon war das, was Bassisten in Rockcombos seit je her zu sein hatten, die stille Präsenz. Sein Spiel ist immer professionell und kreativ, ohne aufdringlich virtuos zu sein. Wirklich gute Bassisten bleiben weder stoisch auf dem Grundton sitzen, noch nerven sie die Welt mit selbstverliebten Technikdemonstrationen wie Slappings und anderen Abartigkeiten. Wirklich gute Bassisten platzieren sich genau in die Mitte dieser Skala. Deacon war einer von ihnen - und einer der Besten.
Freddie Mercury ist ein Rockagitator, ein Massenverführer, vielleicht der großartigste, den man je auf einer Bühne mit Rockband sehen konnte. Als Shouter und Einpeitscher pendelte er zwischen Machoposen und laszivem Getänzel, am Piano trug ihn die gute alte klassische Schule. Wenn man seine Mitsingspielchen auf Now I´m Here so hört, kann man fast verstehen, warum David Bowie (wirklich nur im Scherz) meinte, Hitler sei der erste Rockstar gewesen. Mercury gibt den Ton an, ihm hat man zu gehorchen, und jeder gibt sich ihm hin. Widerstand hat´s nicht zu geben. Auf alten Aufnahmen kann man ihn in der Münchener Rudi-Sedlmayr-Halle sehen, wie er anhebt: „Now I´m Heeeeeere…“. Keiner schnallt´s. Entweder kennen sie die Prozedur des 'Call and Repsonse' nicht, oder sie wollen nicht. Mercurys Augen blitzen, als ob er denkt: „Was, ihr wollt nicht singen? Na wartet, wollen doch mal sehen, wer hier nicht singt!“ Und schnaubt noch fester ins Mikro: „NOW I´M HEEEEEEERE!!!“
Am Ende haben sie ihm gehorcht. Sie haben immer gehorcht.
Nach Live Killers kamen immer mehr Keyboards, noch mehr Pop, auf dem 87´er Live Magic kommt Mays Gitarre fast traurig zurückhaltend aus den Boxen. Wie ein kleiner Junge, dem man das Schlangenliniefahren mit dem Fahrrad verboten hat.
Queen blieben bis zum traurigen Ende eine der besten Livebands dieses Planeten. Aber so rau und rund wie auf Live Killers, so überlebensgroß, so über allen Dingen thronend, klangen sie nie wieder.
In Let Me Entertain You singen sie: "Just take a look at the menu / We give you rock a la carte / We´ll breakfast at Tiffany´s / We´lll sing to you in japanese / We´re only here to entertain you".
Was für ein leidenschaftliches Dienstleistungsverständnis!
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