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Berlin
Berlin

Ein Album von Lou Reed

(1973)



1972 hatte die Plattenfirma RCA mit Lou Reed ein potentes neues Rennpferd im Stall. „Transformer“ verkaufte sich prächtig, Hits waren reichlich vorhanden („Walk On The Wild Side“, „Perfect Day“). Doch irgendwas muss dem launigen Velvet Underground-Chef auf seinem Erfolgskurs spanisch vorgekommen sein. Und bog kurzerhand mit quietschenden Reifen in die kommerzielle Sackgasse ein, in der er sich jedoch pudelwohl fühlte.

Man kann sich die Gesichter der versammelten RCA-Mannschaft gar nicht lang genug vorzustellen, als ihnen Reed ein Jahr danach, statt eines neuen Hitpackets, diesen dicken Klumpen Weltekel vor die Füße warf. Dabei hatte man ihn doch mit Bob Ezrin ins Studio geschickt, bei dem in den Siebzigern wirklich alles produzierte, was um kommerziellen Erfolg bettelte.

Auch die gerade erst neu erspielte Fanschar dürfte nicht schlecht gestaunt haben, was sich da merkwürdiges auf ihrem Plattenteller drehte. Einige werden nicht einmal die Kraft gehabt haben, die Texte zu lesen.

Der Titelsolng eröffnet mit einer Geräuschkulisse, die nach purer Beklemmung klingt. Als ob sie in einem abrissreifen Kreuzberger Altbau aufgenommen worden wäre, wo die Wände schimmeln und es von der Decke tropft. Man hört ein schiefes Happy Birthday. Dann doch etwas Entspannung. Ein einsames Klavier, Chanson-Stil. Die letzten lieblichen Töne, danach geht´s Berg ab. „Lady Day“ strahlt latente Grabeskälte aus, die der quietschbunten Disko-Attitüde der frühen Siebziger ein Loch in die Magenwand frisst. Für Caroline und Jim, den Protagonisten dieses Psychodramas - sie drogenabhängig, er ein Schläger - gibt es keinen Himmel voller Geigen. Was kommt, ist der Zirkel aus Gewalt und Gegengewalt, den Reed mit Worten und Tönen auskleidet, mit prominenten Mitstreitern wie Jack Bruce und Steve Winwood im Rücken.

Berlin“ ist eine Achterbahnfahrt in den Abgrund. Der Weg dorthin ist gepflastert mit den Szenen einer unglücklichen Ehe. Er sitzt am Tresen und krümmt die Faust in der Tasche, im Hintergrund dudelt die Jukebox, das Es flüstert: „Filled up with here to hate / Beat her black and blue and get it straight“. Gesagt, getan. Sie kauert am Boden, die Hand vor dem erstarrten Gesicht: „Why is it that you beat me – it isn´t any fun“. All das kommt Reed so lakonisch und kalt über die Lippen, es ist zum Gruseln. „Caronline Says II“ schleppt sich gletscherartig über die Zeit, das Mellotron wabert wie Trockeneis durch die Luft. „Oh Jim“ täuscht Heiterkeit vor, doch es ist der torkelnde Tanz des Säufers, der sich diebisch aufs Frauenverprügeln freut.

Der Rest ist ein Versinken im Sumpf, ein Zerschellen an der Wand. Das Haus wird verkauft, die Kinder kommen ins Heim. Caroline schmeißt ihren letzten Trip und verabschiedet sich aus dem Hier und Jetzt. Jim bleibt nur noch eine Streiftour durch die Ruine ihres gemeinsamen Lebens. Er ist der Fremdenführer in der Geisterstadt, der Chronist der Tragödie: „This is the place where she lay her head / When she went to bed at night / … / And this is the room where she took the razor / And cut her wrists that strange and fateful night“. Die Ligeti-Chöre am Schluß bereiten Alpträume. Und „Sad Song“, der Totentanz zum Schluss, kommt bereits von ganz weit weg, ist gar nicht mehr richtig da. Verweht, fadet langsam aus.

Am Schluss kommt man sich vor wie verprügelt.

Eine Rezension von Gordon Gernand
(16. Juli 2007)

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Daten zum Album
Berlin 1973
Produktion Bob Ezrin
Interpret Lou Reed Besetzung
Aufnahmedatum
Gastmusiker
Label RCA Lauflänge 49:26
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