Unearthed

Ein Album von Johnny Cash
„No, no ,no, no, no. I´d die if I retire. Like a shark - got to keep moving.““
Johnny Cashs Antwort auf die Frage eines Reporters ob er sich nicht endlich zur Ruhe setzen oder wenigstens, aufgrund seiner stark angeschlagenen Gesundheit ein wenig kürzer treten wolle.
Bei Cash ist (bzw war) das wie bei den alte Bluesern: nie zur Ruhe setzen.
Rust never sleeps erkannte ja schon Neil Young.
Immer in Bewegung bleiben-ein Grundsatz dem Cash zeit seines Lebens stets treu blieb. Ob in den atemlosen von Amphetaminen angetriebenen frühen Tagen als Countryboy im Rockabillyland oder später im Herbst seiner Karriere als die ach so traditionsbewussten Countrylabels und Radiostationen auf den alten Mann des Country spuckten, ihn nicht das tun ließen was er wollte und ihm nur die endlosen Tourneen blieben.
Unterkriegen ließ sich der Man in Black jedoch nie.
Diesem inneren Antrieb Cashs ist es auch zu Verdanken, dass ihm Mitte der 90er ein überraschendes Comeback, obwohl er ja eigentlich nie weg war, trotz widrigster Umstände glückte und dass selbst sein „Alterswerk“ zu den besten je aufgenommenen Platten gehört.
Zur Vorgeschichte:
Schon in den 80ern wollte Cash eine Platte machen die auf das Nötigste reduziert war:
Auf des Mannes Stimme und seine Gitarre. Bei seiner damaligen Plattenfirma lehnte man dankend ab ohne überhaupt nur einen Gedanken daran verschwendet zu haben ob dieses neue Konzept nicht vielleicht doch eine Chance verdient hätte.
Es brauchte den unwahrscheinlichsten aller Helfer: Den für seine Rap (Beastie Boys) und Extrem - Metal (Slayer) Produktionen berühmt-berüchtigten Produzenten-Rübezahl Rick Rubin.
Ein eigenwilliger Revolutionär der sich wenig um Genrebarrieren und Konventionen scherte.
In den 90ern arbeitete Rubin mit Americana - Star Tom Petty und dessen Heartbreakers zusammen. Während den Recording Sessions kam das Gespräch auf Cash und Rubin offenbarte sein Ansinnen Johnny Cash unter Vertrag zu nehmen. Petty, schon lange Bewunderer Cashs, war begeistert und riet Rubin nicht lange zu fackeln und seine Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen.
Cash war sich jedoch nicht so sicher. Er vermutet hinter Rubin nur wieder einen der üblichen Produzenten, mit denen er schon in der Vergangenheit seine Probleme hatte.
Durch zahlreiche Treffen und lange Gespräche konnte Johnny doch noch umgestimmt werden.
Dieses Vermächtnis aus seiner letzten Schaffensphase sind die fünf so genannten American Recordings ( bestehend aus den Alben: American Recordings, Unchained, Solitary Man, The Man Comes Around und schließlich das posthum veröffentlichte A Hundred Highways ).
Diese Aufnahmen, oft bei Cash zu Hause in intimen Sessions entstanden, gehören zum Besten was Johnny je aufgenommen hat. Einerseits anders als seine bisherigen Alben und zum anderen urtypisch für den zornigen Prediger.
Zudem eröffneten sie ihm ein völlig neues und junges Publikum, das eher der Alternative-Szene der späten 80er und 90er zugeschrieben werden kann und die mehr mit Kurt Cobain und Nick Cave verband als mit Hank Williams und Jimmy Rodgers.
Die Alben waren alle von einem reichlich düsteren Charakter geprägt. Cash war, obwohl wieder intensiver beschäftigt, gesundheitlich nicht gut drauf.
Jedes Album konnte also das letzte sein.
Was es zum jeweiligen Releasezeitpunkt nicht auf die Alben schaffte inklusiver diverser Outtakes und Alternate - Takes kam als Boxset „Unearthed“ in den Handel.
Dieses kam zwei Monate nach Cashs Tod im Jahre 2003 heraus.
Nun ist es ja oft so, dass sich Boxsets nur an die absoluten Hardcore-Fans richten und wenig Essentielles beinhalten.
Bei „Unearthed“ kann man aber getrost von einem absolut unverzichtbaren Beitrag in der langen Diskographie des Mannes aus Arkansas sprechen.
So abwechslungsreich die einzelnen American Recordings-Alben sind so unterschiedlich präsentieren sich auch die 5 Discs des Boxsets- und repräsentieren dabei gleichzeitig die verschiedenen Facetten dieses Künstlers.
Nun zu den 5 Discs im Einzelnen - die mit so unterschiedlichen Gaststars wie Carl Perkins, Tom Petty, Nick Cave, Sheryl Crow, Jack Clement, Tom Morello oder der Bluesband Red Devils aufwarten (um nur einige zu nennen!).
Disc 1 trägt den Namen „Who´s Gonna Cry“ und ist am ehesten mit dem ersten American Album zu vergleichen- einige Tracks sind dann auch Alternate Takes von ebenjenem Album. Rubin nimmt Johnny, der sich selbst auf seiner Akustikgitarre begleitet, auf:
Es sind ua. reduzierte Neuinterpretationen von Songs aus Cashs langer Karriere und ein Kristofferson Cover (Just The Other Side Of Nowhere).
Die zweite Disc „Trouble In Mind“, ist von der Stimmung her am besten mit „Unchained“ vergleichbar.
John kehrt zurück zum Beginn seiner Karriere: den Rockabilly Years bei Sam Philips Sun Records. Tom Petty ist mit seinen Heartbreakers zu Besuch und auch Carl Perkins schaut auf einen Sprung vorbei. Cash covert Perkins „Everybodys Tryin To Be My Baby“ und bei Chuck Berrys „Brown Eyed Handsome Man“ singen sie im Duett.
Nicht nur ein schönes Aufeinandertreffen zweier Giganten, sondern auch eine der letzten Aufnahmen von Perkins, der 1998 starb. Die meisten Songs sind brandneue Coverversionen, die Cash bis dato noch nie aufgenommen hatte. Die Heartbreakers fungieren als groovende Backingband, die meisten Performances sind elektrisch.
Und wer immer mal wissen wollte wie Cash klingen würde, wenn er der Sänger einer Blues Rock Band gewesen wäre, für den gibt es die Antwort mit den beiden Songs die Cash mit den Red Devils einzockte. Wahnsinn! Allein diese CD würde den Kauf schon rechtfertigen.
Disc 3 ist dann wieder etwas düsterer und heißt passenderweise auch „Redemption Songs“.
Das Flehen um Erlösung mit Songs aus den Sessions der American II und IV Alben.
Die Platte enthält zahlreiche Duette( zB. mit Nick Cave bei „Cindy“), ist hauptsächlich akustisch, diesmal aber mit voller Bandbesetzung eingespielt.
Herrlich wie Cash Cat Stevens „Father and Son“ covert - vermutlich die beste Version dieses Songs.
Mit der vierten CD „My Mothers Hymn Book“ erfüllte sich Cash schließlich einen lebenslangen Traum, Spirituals und Gospels die ihn sein ganzes Leben lang begleiteten, aufzunehmen. Die logische Konsequenz seines früheren Albums „Hymns by Johnny Cash“:
Emotional und berührend.
Ein Best Of auf der fünften CD , bestehend aus den zum (damaligen Zeitpunkt) vier American Alben, beschließt dieses grandiose Boxset.
Eine schöne Draufgabe, die zudem von der Songauswahl her clever ausgewählt wurde!
Die Musik allein macht dieses Boxset also schon unverzichtbar und einzigartig. Doch das ist längst nicht alles. Denn „Unearthed“ liegt noch ein in schwarzes Leinen gebundenes Buch bei. Jeder einzelne Song hat ausführliche Liner Notes mit Bemerkungen und Anekdoten von Cash selbst, seiner Tochter Rosanne, den beteiligten Musikern oder Rubin.
Das hochwertige Buch enthält zudem informative Texte und seltene Fotos - alles selbstverständlich in Hochglanzpapier.
Fazit: Wer A sagt muss auch B sagen: wer die American Recordings schätzt, für den sind letztlich auch die Aufnahmen auf „Unearthed“ unverzichtbar.
Ein wunderbares , ganz in Pechschwarz gehaltenes Boxset, das neben dem Hörgenuss durch die unheimlich edle Verpackung auch etwas fürs Auge des Sammlers bietet.
Letztlich fragt man sich nur eines: Wieso diese Aufnahmen als „Outtakes“ gelten. Die Songs auf „Unearthed“ stehen den regulären Aufnahmen der American Alben in absolut nichts nach.
Im Gegenteil sie gehören zum Besten was Johnny je aufgenommen hat.
Ein Genuss.
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