American V - A Hundred Highways

Ein Album von Johnny Cash
Drei Jahre nach dem Tod von Johnny Cash im September 2003 wurden die letzten Aufnahmen des großen "Man In Black" fertig gestellt und veröffentlicht. Drei Jahre, in denen Produzent Rick Rubin wohl erst mal inne halten musste, um das Geschehene zu verarbeiten, den richtigen Moment für die Veröffentlichung abzuwarten. Längst war Rubins Verhältnis zu Johnny Cash über jenes von Berufskollegen hinausgegangen - ja, sie waren bis zuletzt enge Freunde geworden. Beim Durchhören der nun vorliegenden letzten Platte fällt es einem leicht sich vorzustellen, wie schwer es vielleicht gewesen sein muss, diese Aufnahmen zu vervollständigen.
Das charakteristische Druckvolle im tiefen Gesang von Johnny Cash ist nur noch zum Teil vorhanden. Stattdessen ist eine erhabene Verletztheit, eine emotionale Intensität hör- und spürbar, die gleichzeitig schauderhaft und tröstend wirkt. Die Schmerzgrenze ist bereits beim vierten Lied der Platte erreicht. "If You Could Read My Mind" wird von Cash brüchig, krank und außer Atem vorgetragen - es ist ein Dokument des Verfalls und zeigt doch auf unglaublich direkte und eindrückliche Art und Weise, wie viel Schönheit hinter einer geschundenen, verwüsteten Existenz liegt. Ein Song, in dem der Tod greifbar scheint und das Leben nicht zur Ruhe kommt.
Mit dem textlich von dunkler Symbolik dominierten Bruce Springsteen-Cover "Further On Up The Road" wird dann die Hoffnung beschworen, sich immer wieder ein Stück weiter runter die Straße zu treffen, bevor einem der Hank Williams Song "On The Evening Train" die Tränen in die Augen steigen lässt.
Doch es wird auch zurückgeblickt - auf ein Leben, in dem vor allem eines Bestand und Wichtigkeit hatte: die Liebe. So sind "Love Was Good To Me", ganz bestimmt aber "Rose Of My Heart" als letzte Liebeserklärungen von Johnny Cash an seine Frau June Carter Cash zu verstehen - June war wenige Monate vor diesen Aufnahmen und Johnnys eigenem Tod verstorben.
Die reduzierte und pointierte musikalische Ummalung von Johnny Cashs Gesang ist behutsam und vorsichtig gewählt. Meist sind es leise akustische Gitarren, hin und wieder können ein paar Klangtupfer eines Klaviers oder Streichersätze vernommen werden. Auf Percussion wurde fast gänzlich verzichtet. Die Ausnahmen: der düstere Gospelklassiker "God's Gonna Cut You Down" und der aus Cashs Feder stammende, den eigenen, bevorstehenden Tod auf satirische Weise thematisierende Bluesstampfer "Like The 309".
Als Johnny Cash beim Schlusspunkt, seinem letzten Gefängnissong, "I'm Free From The Chain Gang Now" angekommen ist, sind wir metaphorisch auch da angekommen, wo die Akzeptanz des Unausweichlichen dominiert und eine ruhige Freude darauf, endlich loslassen zu können, lebt.
Goodbye Johnny Cash.
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