Viva la Vida or Death and All His Friends

Ein Album von Coldplay
(VÖ: 13.06.2008)
Wunderschön. So heißt ein Reisemagazin im Dritten Programm mit Moderatorin Tamina Kallert. Der Titel passt. Wunderschön, so etwas sagen Frauen häufig in moderater Verzückung beim Betrachten von Dingen die, na ja, wunderschön sind. Die goldene Mitte zwischen Euphorie und strategischer Flunkerei. Einfach wunderschön. So etwas sagten auch viele beim Anhören des Coldplay-Debüts Parachutes (2000). Auch Männer.
Nun sind acht Jahre vergangen, und Coldplay sind schon lange Megastars. Sänger und Bandchef Chris Martin scheint sich in einer Phase zu befinden, in der einem Verkaufszahlen mitunter schnurz sind, während das Herz nach künstlerischer Reputation lechzt. Denn er und seine Combo sind drauf und dran, für immer und alle Zeit als Schmachtballadengesangsverein abgestempelt zu werden.
Das liegt wohl daran, dass die Engländer mit ihrem zweiten Album A Rush of Blood to the Head (2002) zu viel richtig gemacht hatten. Nicht nur, dass danach der Rubel so richtig rollte. Nein, dieses Denkmal des adoleszenten Weltschmerzes war zu perfekt, zu ganzheitlich. Martin hatte fast alle traurigen Akkorde geklimpert, fast alle aufwühlenden Worte gehaucht. So viel Melancholie, dass es für ein ganzes Leben reicht. Danach hätte wirklich was anderes kommen müssen. Was Neues. Doch auf X&Y (2005) entschieden sie sich, einfach in der Warteschleife zu bleiben und eine Art ‚Rush of Blood, Part II“ zu spielen. Umso größer die Mutmaßungen, die Band müsse nun endlich am Meisterwerk, an der großen, emanzipatorischen Neudefinition werkeln, so wie es einst Radiohead mit OK Computer (1997) getan hatten. Oder vier Liverpooler mit Sgt. Pepper (1967).
Viva la Vida klingt in den ersten Momenten so, als könnte man der Band förmlich in den Kopf gucken. „Life in Technicolor“, ein Instrumental-Intro mit kristallinen Keyboards, das langsam heranweht und von etwas Großem künden soll. Ein perlendes Gitarrenriff, eine erneute Verbeugung vor den verehrten U2. Ein Spiel mit Erwartungshaltungen, ein großer Tusch. Gleich hören wir, wie Coldplay im Jahre 2008 denn nun klingen. Richtig los geht es bei „Cemeteries of London“, und bald wird klar: die Jungs haben nur Spass gemacht. Falscher Alarm, April April! Revolution gibt es nur auf dem Cover. Ein paar Ecken und Kanten hat man über stehen lassen, ein paar Eigentümlichkeiten platziert. Musikalische V-Effekte, wie die orientalischen Streicher bei „Yes“ oder ein paar Millisekunden Grungegitarren. Ein bisschen elektronisches Gedröhne und Geschaller hier und da (was die Anwesenheit Brian Enos als Produzent erklärt). Aber die guten, alten Trademarks sind noch alle da und beherrschen das Gesamtbild. Warme, tröstende Harmonien. Akustikgitarren und Piano streicheln über den Kopf - komm schon, es wird alles gut. Music is the only friend.
Viva la Vida ist, schon wieder, eine Nulllösung. Schöngeistig getarnte Markenpflege. Keine Neugeburt, nur ein Quantensprung. Coldplay sind keine Abenteurer, sondern Dienstleister. Ihr Überlebensinstinkt signalisiert ihnen, dass es gut ist, weiterhin ihrer Paradedisziplin zu frönen. Nämlich: Melodien für Millionen zu machen. Beziehungsweise: Millionen mit Melodien zu machen.
Kommentar schreiben | Einem Freund empfehlen
|