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Carry On
Carry On

Ein Album von Chris Cornell

Warum Chris Cornell nach der Trennung von Soundgarden und der Veröffentlichung seines grandiosen Solodebüts "Euphoria Morning" (1999) sich 2002 mit Rage Against The Machine-Mitgliedern zu Audioslave formiert hat, weiß wohl nur der liebe Rockgott. Vielleicht stand dahinter trockenes Kalkül oder einfach der kreative Wunsch - nach über einem Jahrzehnt mit Soundgarden an der Spitze der Grunge- und Alternative-Rock-Bewegung - wieder in einem Bandgefüge zu wirken.

Immerhin produzierten Audioslave mit "Audioslave" (2002) und "Out Of Exile" (2005) zwei über weite Strecken fulminante Platten - (ihr letztes Album "Revelations" wollen wir hier ganz unverschämt nicht dazu zählen). Vor allem "Out Of Exile" trug klar die Handschrift von Cornell, während das Debüt vielleicht eher aus Ideen von Tom Morello und Co. entstanden sein mag. Egal, Audioslave ist Geschichte, der Scherbenhaufen perfekt.

Wie eine Art Trotzreaktion kann nun die neue Platte mit dem bezeichnenden Titel "Carry On" gedeutet werden. Denn Chris Cornell agiert derart gelöst und befreit bzw. frei von jeglicher Erwartungshaltung, dass eine Vielzahl seiner Fans wohl schon beim erstmaligen Durchhören das Handtuch wirft. Doch so einfach ist die Sache nicht, denn mindestens die Hälfte der Songs auf "Carry On" wirken nachhaltig und sind voller schöner Momente, wenn auch größtenteils weit vom Sturm und Drang der frühen Jahre entfernt. Denn der Blick geht hauptsächlich nach Innen - Herzensangelegenheiten, das Finden von sich selbst in den mittleren Lebensjahren dominiert die Haltung des 43-Jährigen. Handelt es sich dabei um die viel zitierte "Midlife Crisis"? Naja, Midlife schon, aber Krise wohl kaum, denn Chris Cornell scheint es so gut zu gehen, wie noch nie.

Und genau da ist der Haken. Sieht man sich die Werkkataloge von klassischen Popgrößen wie Neil Young, Bruce Springsteen oder auch Dylan an, dann bemerkt man just in jenen Lebensjahren eine scheinbare Uninspiriertheit, ein Suchen und Abtasten, ein Neuordnen der eigenen Standpunkte, welches dann zur Konsequenz hat, dass die Veröffentlichungen einfach nicht mit jenen der frühen Schaffensphase mithalten können. Man fühlt sich wohl wie in einem Vakuum - das Feuer der Jugend ist erloschen und das Wissen des Alters noch in weiter Ferne. Vielleicht könnte man auch sagen, dass sich nicht jedes Lebensalter dazu eignet Popsongs zu schreiben, weil irgendwann alles gesagt ist, und Vieles erst wieder im Entstehen - (wobei dies natürlich nicht allgemein gültig sein kann und immer individuelle Wege und Biografien ausschlaggebend sind).

Die ersten drei, vier Songs auf "Carry On" sind allesamt recht gelungen. Mal etwas scheppernder ("Poison Eye"), dann wieder sehr "soulful", mit Bläsern und der ganzen überberstenden Liebe, die dazu gehört ("Safe And Sound"). Doch spätestens ab der Hälfte der Spieldauer verliert sich das Album zusehends in unaufregende Beliebigkeit ohne große Höhepunkte. Erst mit der schmalzigen Ballade "Finally Forever" hebt die Platte wieder ein wenig ab und wartet dann noch mit ein paar zwingenderen Nummern auf - darunter das hadernde, an die Schrecken des Krieges und seiner Verharmlosung gemahnende "Silence The Voices" oder "You Know My Name", der fette Titeltrack des letzten James Bond-Streifens "Casino Royal". Auch "Today", der funky Schlusstrack, verdient Beachtung.

Als "Kuriosum" ist auf dem Silberling übrigens eine Coverversion des Michael Jackson-Klassikers "Billie Jean" als schleppender, beim Refrain explodierender Rocksong zu finden. Bei Gegenüberstellung mit dem ersten, abwechslungsreichen und "tiefblauen" Cornell-Solo-Longplayer "Euphoria Morning" (1999), hat jener ganz eindeutig die Nase vorn. "Carry On" ist eben näher am Mainstream dran als alles, was Chris Cornell bisher gemacht hat. Da hilft es auch nicht, dass der altgediente New-Yorker-Avantgarde-Gitarrist Gary Lucas (Ex-Captain Beefheart, Co-Schreiber von Jeff Buckley's Song "Grace") bei fast allen Songs mit von der Partie ist.

Bleibt die Frage, wie es weiter gehen wird. Werden vielleicht in fünf Jahren alle Cornell wieder zu Füßen liegen - womöglich auch jene, die sich jetzt mit Grauen abwenden? Tja, das gehört wohl dazu, zum Rock'n'Roll. Genauso wie live (auch bei eher durchschnittlichen Albumveröffentlichungen) weiter eine gute Figur zu machen. Und so darf man gespannt sein, auf den Auftritt von Chris Cornell beim FM4-Frequency07. Da wird er sich bestimmt auch seiner vergangenen Zeiten und der großartigen Bands darin ganz unsentimental erinnern. "Carry On" eben.

Eine Rezension von Robert Innerhofer
(06. Juli 2007)

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Daten zum Album
Carry On 2007
Produktion Steve Lillywhite
Interpret Chris Cornell Besetzung Chris Cornell, Gary Lucas, Miles Mosley, Dimitri Coats, Jaime Muhoberac, Nir Z, u.a.
Aufnahmedatum
Gastmusiker
Label Suretone, Interscope Lauflänge
http://www.chriscornell.com/
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