Wilderness

Ein Album von Brett Anderson
(2008)
Gäbe es eine neue Verfilmung von Ian McEwans Cement Garden, Brett Anderson müsste die Beschallung dazu liefern. Flirrender Sommer, drückende Hitzewallungen, unkrautüberwucherte Ruinen, Windstille. Das würde doch passen.
Auf Wilderness, dem zweiten Soloalbum des Suede-Sängers und „David Bowie-Darsteller“ (ROLLING STONE), erklingt Romantik in reiner, archetypischer Erscheinungsform. Seine Stimme, Akustikgitarre, Piano, manchmal Streicher. Sonst nichts. Bedrückende Zeitlupenmelancholie, wahlweise in Schwarzweiß oder Farbe. Dreiunddreißig kurze Minuten. Nicht jede davon ist großartig, aber A Different Place, Clowns, Chinese Whispers, Back to You und P. Marius sind wunderschöne, schwermütige Klagelieder.
Für Andersons Lyrik braucht es manchmal Toleranz. Unfallfrei gelingen ihm Szenerien und Momentaufnahmen, irgendwo im Grenzland zwischen Poesie und Postkartenidylle. „We sat under London skies / On a perfect june day/ I touched her hand and whispered our names / And all of the birds flew by / And the clowds blow away”.
Verzückung und Fremdscham liegen nah beieinander. In Back to You lässt er zusammen mit Roman Polanski-Ehefrau Emmanuelle Seigner die Sonne erkalten und Planeten sterben, und es geht doch immer nur die Verflossenen, zu denen man ums Verrecken nicht zurückgekrochen kommen möchte. Bei Zeilen wie "You´re the rose within my soul / You´re the reason why the rain flows" (aus P. Marius) muss man an geschwungene Schleifchenschrift auf zartrosa Seiten in Poesiealben denken. Dahingeschmachtet von jungen Mädchen, die dabei am Fenster hocken und verträumt auf einem Bleistift kauen. Doch dieser Song, und das Ende mit den Streichern, ist ein Monument der Wehmut. Zum Sterben schön. Aber was soll an anderer Stelle eine banale Schaumschlägerei wie „I don´t want you, but I need you. / I don´t need you, but I want you.” Wie bitte?!
Wilderness ist kein Jack London-Roman, aber auch kein Schnulzeheftchen aus dem Cora-Verlag, dafür haben einige Songs zu viel Klasse. Brett Anderson war in den Neunzigern kein neuer David Bowie und ist jetzt kein neuer Leonard Cohen - aber dafür, wenigstens eine halbe Stunde lang, ein trauriger, hübscher Held der Empfindsamkeit.
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